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Tron: Evolution

Ein würdiger T(h)ronfolger?

Test Guest getestet auf Xbox 360

Der Name "Tron" hat unter Gamern und Geeks der ganzen Welt einen grossen Namen. Er steht für einen legendären Hacker, Mitglied des Chaos Computer Clubs aber, und das hat in jüngster Zeit grössere Wichtigkeit, auch für die Fortsetzung des Kult-Films Tron. Tron: Legacy startet bei uns am 27. Januar. Was zwischen dem 1982 erschienenen Erstling und der Fortsetzung genau passiert, weiss niemand. Halt, doch! Leute, die "Tron: Evolution" zocken.

Lizenzspiele sind immer so eine Sache, nicht? Ein Freund von mir hat sinnigerweise einmal behauptet neun von zehn Lizenzspielen seien Müll. Das scheint auch die Ansicht der Spieleindustrie zu sein. Nicht nur THQ wollte in Zukunft von Umsetzungen von Filmtiteln Abstand nehmen, auch andere Softwareschmieden und Publisher sehen das ähnlich.

Wenn man sich aber in den letzten Monaten die Bilder zu "Tron: Evolution" angesehen hat, konnte man nicht anders, als zu vermuten, dass dieses Spiel nicht zu diesen Neunen gehört und gar eine Oase in der Wüste der Lizenztitel sein könnte. Zu Recht?

 "Tron" ist stylish. Das ist inspirierte Science Fiction, möchte man meinen, wenn man die minimalistische, futuristische Onlinestadt betrachtet und selbst als namenloser System-Überwacher (Systemmonitor) mitten in der virtuellen Welt steht. Man hat die Aufgabe, die neusten Entwicklungen in den Konflikten bzw. den Beziehungen der ISOs (Isomorphe Algorithmen) und den Basics zu beobachten. Das Spiel erklärt im Übrigen auch noch gebliebene Fragen, wie zum Beispiel warum Kevin Flynn überhaupt im sogenannten Raster (The Grid) gefangen ist, und wie sich dieses über die Jahre hinweg entwickelt hat.

 Wenn man sich, wie ich, im Vorfeld kaum mit der Thematik und Story des Vorfilmes und eventuell noch den Graphic Novels auseinandergesetzt hat, wird man gnadenlos ins kalte Wasser geworfen. Wer ist eigentlich Tron, was zur Hölle ist dieses Raster und wer bin ich überhaupt? Das sind Fragen, die über die Zeit hinweg kaum aufgeklärt werden. Da das aber ein Lizenzspiel ist und vornehmlich Fans der Lizenz in die Regale greifen werden, gewichtet sich dieses Storywirrwarr aber nicht so schwer. Die vorhin erwähnten Fans werden an der Klärung der Lücken zwischen dem letzten Graphic Novel und dem heutigen Film ihre Freude haben, obwohl weder die Dialoge, noch die Erzählweise wirklich zu überzeugen wissen. Auch die Abmischung des Sounds mutet ab und zu etwas seltsam an, und die Sprachausgabe ist nur Mittelmass. Im Gegenzug wartet "Tron: Evolution" aber mit einem erstklassigen Soundtrack auf, der vorwiegend in elektronischer Musik gehalten ist. Auch Daft Punk ist auf dem Soundtrack mit zwei Stücken vertreten und lässt die Herzen von Fans des elektronischen Sounds höher schlagen. Zudem, das braucht kaum erwähnt zu werden, passt die Musik zur Atmosphäre wie Tron auf ein Lichtrad.

Optisch ist das SciFi-Game aber vor allem zu Beginn eine Offenbarung. Ich spreche nicht von hochaufgelösten Texturen oder lebensechten Gesichtsanimationen, sondern vor allem vom faszinierenden Stil, der "Tron" aus der Masse der restlichen Science Fiction zweifellos heraushebt. Zwar nützt sich die Optik mit der Zeit etwas ab, speziell und einmalig bleibt sie aber trotzdem.

 Spielerisch erinnert "Tron: Evolution" an einen Mix aus "Star Wars: The Force Unleashed II" mit einer Prise "Mirror’s Edge" und anderen Platforming-Titeln. Die Basis des Spiels bilden die parkourähnlichen Hüpfeinlagen, in denen man von Plattform zu Plattform springt, an Wänden entlang- oder hochläuft und die Kampfeinlagen, die man grundsätzlich mit dem Diskus bestreitet. Dabei ist es möglich sowohl Fernkampf- als auch Nahkampfattacken einzusetzen. Über die Zeit hinweg kann man sein System auch updaten (neue Attacken freischalten) und dank mehr RAM (Erfahrungspunkten) quasi hochleveln. Dies ermöglicht über die Zeit eine Varietät von Angriffe mit einem explosiven Diskus, einem magentischen Diskus und so weiter. Insgesamt bleibt der Kampf aber leider ohne Biss. Während bei "The Force Unleashed II" und anderen Genrevertretern verschiedene Fähigkeiten relativ taktisch kombiniert werden mussten, arten die Diskusschlägereien bei "Tron" eher in Button-Mashing aus. Dabei spielt es zum Beispiel keine Rolle, ob man Fernkampfattacken im Nahkampf verwendet – der Effekt ist derselbe. Die Gegnervielfalt ist aber dafür wiederum in Ordnung, es gibt diverse Feinde, die euch ans Leder wollen, von gepanzerten, schildtragenden Fieslingen bis hin zu flinken, ninjaartigen Gegnern und Lichtpanzern ist vieles vertreten. Leider besiegen sich diese stets gleich und man hat keine grossen taktischen Freiheiten.

Da die Animationen aber grundsolide sind (solange man nicht zu hyperaktive auf den Buttons herumdrückt), sehen die Kämpfe dank einigen Zeitlupeneffekten ziemlich cool aus. Da die Spezialanimationen nicht derart over-the-top sind wie bei "The Force Unleashed II", nutzen sie sich auch nicht so schnell ab und sind auch nach vielen Wiederholungen noch cool.

Bei den Hüpfeinlagen hingegen müssen wieder Abstriche gemacht werden. Zwar sind die Platforming-Abschnitte durchaus nett und wissen (besonders wenn hinter einem alles explodiert) mit einer gewissen, sehr frischen Dynamik aufzuwarten aber trotzdem hatte ich mit der Steuerung so meine liebe Mühe. Nicht weil sie nicht intuitiv wäre, sondern, weil sie gewisse interpretative Probleme hat. Im Grunde genommen funktioniert sie sehr ähnlich wie "Assassin’s Creed" – sie interpretiert, was der Spieler eigentlich will. Das ist der einzige Weg, wie Free-Running-Spiele möglich sind. Nur leider interpretiert die Spielmechanik einige Male ziemlich schief, sodass ich gewisse Abschnitte mit zunehmender Frustration wiederholt und wiederholt habe. Irgendwann habe ich dann begonnen zu interpretieren, was die Steuerung von mir interpretieren will – und so jeweils die Lösung gefunden. Hat man aber solche harzigen Stellen überstanden, weht einem der frische Wind des guten Spielflusses entgegen.

 Ein grosses Ärgernis sind aber die Lichtradabschnitte, die eigentlich die Ikonen schlechthin für Tron sind. Einerseits sind die kurzen Lichtradabschnitte relativ selten, andererseits macht die Steuerung dort extrem Mühe. Das liegt daran, dass die Kamera nicht nachjustierbar ist und man darum nicht weit genug auf der Strecke sehen kann und ständig in irgendwelche Hindernisse prallt oder von der Strecke herunterfällt. Da musste ich einige Male kräftig ins Gamepad beissen. Allerdings versprechen die Lichtradrennereien vor allem online trotzdem spassig zu werden – leider konnten wir das mangels Mitspielern noch nicht testen.

Fun Fact: "Tron: Evolution" dürfte da erste Spiel sein, dass in den Medien durchschnittlich die besseren Wertungen eingefahren hat, als der Film dazu.

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