Cairn - Test / Review

Fantastisch, entspannend und bockschwer

Test Video Fabrice Henz getestet auf PlayStation 5

Spätestens seit der Veröffentlichung von "Peak" letztes Jahr sind Spiele mit einem Fokus aufs Klettern so beliebt wie wohl noch nie. "Cairn" von The Game Bakers dreht sich zwar auch ums Bergsteigen, setzt jedoch auf eine emotionale Geschichte, ein authentisches Klettergefühl und Survival-Elemente.

Es ist eine Mischung, die an sich kaum ein riesiges Publikum anspricht. Wer sich aber nur ein wenig dafür interessiert, bekommt mit "Cairn" ein absolutes Highlight für jeden, der hartnäckig genug ist, um sich dieser spielerischen Herausforderung zu stellen.

Kami ruft!

Der Berg Kami ist der einzige, dessen Gipfel noch nie erreicht wurde. Hunderte mutige Seelen haben es versucht und sind gescheitert, mehr als 150 von ihnen verloren dabei sogar ihr Leben. Aava klettert schon, seit sie drei Jahre alt war - es wurde ihr quasi von ihrem Vater, selbst ein grosser Bergsteiger, in die Krippe gelegt. Sie ist zwar nicht mehr die allerjüngste, doch nachdem sie schon Teile von Kami bestiegen hat, will sie dieses Jahr den Gipfel erklimmen. Ihr Privat- und Berufsleben scheinen jedoch auch nicht mehr allzu rosig zu sein. Während ihres Trips bekommt sie regelmässig Anrufe von Freunden, ihrer Partnerin und ihrem Manager. Keinen davon beantwortet sie, stattdessen klettert sie einfach immer weiter. Nur der Gipfel zählt, alles andere ist eine Ablenkung.

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Unterwegs trifft man mit Aava auch noch ein paar andere Menschen, beispielsweise auf die Schäferin, eine der letzten Bewohnerinnen des Berges, die zurückgezogen mit ihren Tieren in einer Höhle lebt. Oder auf Marco, einen jungen Bergsteiger, der fast schon ein Fanboy von Aava ist und es nicht glauben kann, dass er ihr hier begegnet. Unsere Protagonistin ist nicht unbedingt eine Frau der grossen Worte. Sie wirkt stoisch, abgegrenzt und fast schon kalt. Doch auch ohne viele Worte ist sie ein Charakter, hinter dem mehr steckt, als sie zu erkennen gibt. Der Weg zum Gipfel des Kami ist offensichtlich mehr als nur ein weiterer potenzieller Erfolg für sie. Aava kennenzulernen, macht dadurch fast genauso viel Spass wie das Klettern selbst, was auch der tollen englischen Sprachausgabe zu verdanken ist.

Arm um Arm, Bein um Bein und ja nie herunterschauen

"Cairn" setzt auf ein authentisches und realistisches Klettersystem. Dazu steuert man, wenn man an der Wand ist, jede Gliedmasse von Aava einzeln. Das Spiel macht dabei einen sehr guten Job, einem immer die Kontrolle über den nächsten wichtigen Körperteil zu geben. Es ist jedoch mit einem Druck auf eine Schultertaste auch möglich, jede Gliedmasse gezielt auszuwählen. Ein Grund, warum dieses System so gut funktioniert und sich fantastisch anfühlt: Als Spieler arbeitet man mit Aava zusammen, um weiter nach oben zu kommen. Es müssen zwar mit dem Controller Hände und Füsse an Vorsprünge, Kanten oder Ritzen im Berg geführt werden, doch Aava hilft dabei mit. Wird ein Körperteil zu einer neuen Position bewegt, macht Aava ihren Job und platziert ihn so, dass sie selbst richtig positioniert ist. Eine punktgenaue Steuerung ist nicht nötig, damit sie ihren Fuss richtig auf die Kante stellt oder sie sich an einem Felsen festhängt: Die Spielfigur selbst lässt ihre Erfahrung als Bergsteigerin mit einfliessen. Es ist eine Symbiose zwischen Spieler und Spiel, die in keinem anderen Medium auch nur ansatzweise möglich ist. "Cairn" fühlt sich ab dem Moment, in dem man in einer Kletterhalle die ersten Handgriffe macht, fantastisch an, und zum grössten Teil bleibt dieses Gefühl über die zehn oder mehr Stunden der Geschichte erhalten.

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Ein weiteres exzellentes Beispiel für dieses Zusammenspiel ist der Stress. Während des Kletterns (und wenn Hände oder Füsse nicht gut positioniert sind, die Körperhaltung zu anstrengend ist oder das Wetter für einen unsicheren Halt sorgt) atmet Aava zunehmend schwerer, Körperteile beginnen unter grosser Belastung zu zittern, und ein schwarzer Rand fängt an, immer mehr vom Bildschirm zu bedecken. Genauso wie bei Aava selbst, kann das echten Stress auslösen. Ob man nun unter Druck die richtige Entscheidung trifft, um sich zu stabilisieren, oder man abstürzt: Man sitzt mit der Protagonistin in einem Boot und fühlt sich ihr sehr nahe. Eine schwere Wand zu überstehen und wieder festen Boden unter die Füsse zu bekommen, ist stets absolut ekstatisch.

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