Capes - Test / Review

Schurken an der Macht

Test Video Steffen Haubner getestet auf PC

Dass das Universum der Superhelden längst einen Reboot braucht, dürfte mittlerweile ein Gemeinplatz sein. Seit jeher liegt die grosse Kunst des Genres darin, trotz der übermenschlichen Fähigkeiten seiner Protagonisten immer wieder die Fallhöhe zu schaffen, die notwendig ist, all jenen einen neuen Kick zu geben, die von der schieren Übermacht und offensichtlichen Unsterblichkeit ihrer Heldinnen und Helden ein bisschen angeödet sind. Und ja, auch über die ketzerische Ansicht, dass es Marvel mit seinem "Cinematic Universe" etwas übertrieben hat (mit all seinen Parallelwelten und Wiederauferstehungen), dürfte es inzwischen kaum noch Diskussionen geben. Gibt es eigentlich noch irgendeine Supersupersuperpower, die noch nicht multimedial breitgewalzt wurde? Umso mutiger und ehrenvoller, wenn man dessen ungeachtet Superhelden zum Gegenstand eines Games macht und dabei auch noch auf Lizenzen jedweder Art verzichtet und sich einfach mal eben vollkommen neue Heldinnen und Helden bäckt.

"Capes" entführt euch in eine Welt, in der das Superheldentum keine Besonderheit, sondern die Regel ist. King City wird seit über 20 Jahren von einem dystopischen Superschurkenregime regiert. Wer, sozusagen privat, mit Superkräften unterwegs ist, wird als Staatsfeind verfolgt. Der Ansatz erinnert sehr deutlich an den der Manga- und Anime-Serie "My Hero Academia" und deren Spin-offs. Doch darf man dem Mastermind Morgan Jaffit durchaus zutrauen, etwas Eigenständiges aus dem Thema zu machen. Schliesslich steckt er auch hinter dem damals wegweisenden "Freedom Force" (2002) und hat mit "Teen Titans" (2006) nach der gleichnamigen Cartoon-Network-Serie einschlägige Genre-Erfahrungen gesammelt. Man kann dem einfallsreichen Australier also durchaus eine gewisse Affinität zu dem Thema attestieren.

Screenshot
Eine eigenständige, überzeugende Superhelden-Story muss man 2024 auch erst mal auf die Beine stellen

Schurken an der Macht

Da in King City, dem Schauplatz von "Capes", Gewalt und Terror herrschen, schliesst sich ein Team aus illegalen Superkräfteträgern zusammen, um der Schreckensherrschaft der Superschurken ein Ende zu bereiten. Diese werden mit individuellen Hintergrundgeschichten eingeführt und von euch in ein Quartett rekrutiert, wo ihr ihre Superkräfte sukzessiv weiter ausbaut, um insgesamt gut 50 Haupt- und Nebenmissionen zu bestreiten. Der wohl entfernt mit Ben Grimm aka The Thing verwandte Facet etwa kann harte Kristalle erschaffen, die seinen Körper vor Schaden schützen. So dient er seinen Mitstreitern als Barrikade und lenkt feindliche Attacken gern auf sich. Werden ihm die Angreifer zu lästig, macht er sie kurzerhand bewegungsunfähig, indem er seine Kunstwerke um sie herum entstehen lässt. Ausserdem kann er Feinde um mehrere Felder zurückstossen und, wenn sie in günstiger Position hintereinanderstehen, gleich reihenweise umkegeln. Die Effekte, die man bei solchen Aktionen entfesselt, machen einiges her.

Screenshot
Die entfesselten Effektfeuerwerke machen das etwas maue Charakterdesign zumindest teilweise wett

Da hier schon das Wort "Felder" gefallen ist: "Capes" macht von Anfang an keinen Hehl daraus, dass sein Vorbild natürlich "X-COM: UFO Defense" heisst. Das legendäre rundenbasierte Taktikspiel des 2001 geschlossenen Studios Mythos Games stellt dabei nach wie vor die Referenz des Genres dar. Auch bei "Capes" gilt es, die in jedem Zug zur Verfügung stehenden Aktionspunkte taktisch klug zwischen Fortbewegung und anderen Aktionen aufzuteilen. Es ist essenziell, sich von Zeit zu Zeit eine gute Deckung zu suchen, wobei auf die Notwenigkeit, sich millimetergenau zu postieren, dankenswerterweise verzichtet wurde. Die Entwickler von Spitfire Interactive sind zudem klug genug, den Elefanten im Raum weder verstecken noch übertrumpfen zu wollen. Stattdessen setzt man deutlich mehr auf Rollenspiel-Elemente, was auch zu der Erzählung passt, dass hier zunächst noch ungeübte Helden im Widerstand gegen die Machthaber über sich hinauswachsen.

Screenshot
Der Fokus auf Rollenspiel-Elemente passt zur Story und hebt sich von anderen Genrevertretern ab

Kommentare

Capes Artikel