Es war ein wildes Jahr, und wir haben euch eine nicht minder wilde Mischung aus in den vergangenen Monaten erschienenen Werken zusammengestellt. Zweimal geht es ums Kino, zweimal um Helden in recht ungewöhnlichen Settings und einmal um chinesische Mythologie. Alle Bände vereint ein grosser künstlerischer Anspruch, und sie verlangen dem Publikum die Bereitschaft ab, sich auf etwas Neues einzulassen - seien es nun ungewohnte Perspektiven oder Geschichten, die so noch nicht erzählt worden sind. Wichtig auch, dass bei aller wohl zeitbedingten Ernsthaftigkeit der Spass am Lesen nicht verloren geht.
Auf den Spuren des Meisters

Dass Comic und Film wesensverwandte Kunstformen sind, muss man in der GAMES.CH-Community sicher niemandem erklären. Verfilmte Comics oder als Comic umgesetzte Filme und Serien sind dabei die eine Sache. Eine neue Qualität bekommen die vielzähligen Verbindungen und Analogien allerdings dann, wenn der Film selbst zum Gegenstand eines Comics wird. Der französische Autor, Designer und Künstler Amazing Améziane hat sich mit Werken zur US-Bürgerrechtlerin Angela Davis, Muhammad Ali und zuletzt einem gewissen Quentin Tarantino (Splitter 2024) den Ruf als herausragender Comic-Biograf erworben. Der Zugang zu seinen Themen wie auch deren Auswahl erinnern in vielem an den Berliner Reinhard Kleist, der sich primär, aber nicht ausschliesslich, politischen Themen ("Castro", Carlsen 2010; "Der Traum von Olympia", Carlsen 2015) und Musikerbiografien ("Nick Cave: Mercy on me", Carlsen 2017; "Starman – David Bowie's Ziggy Stardust Years", Carlsen 2021; "Low", Carlsen 2024) verschrieben hat.
Améziane arbeitet sich aktuell vor allem am Thema Kino ab. Während sein Comic zu Francis Ford Coppola bislang offenbar keinen deutschsprachigen Verlag gefunden hat, soll seine Spielberg-Bio nächstes Jahr bei Splitter erscheinen. Schon jetzt kommen wir dagegen in den Genuss seines 380 Seiten starken Porträts des Regie-Altmeisters Martin Scorsese, der gerade seinen 83. Geburtstag feiern konnte. Mit "Mr. Scorsese" ist bei Apple TV zeitgleich eine Biopic-Serie über den Ausnahmeregisseur gestartet, die wir euch ebenfalls ans Herz legen können und die eine ausgezeichnete Begleitung zum Comic (oder auch umgekehrt) abgibt. Während man in der Apple-Serie viel über Scorseses Art der Inszenierung und die kongeniale Kameraführung seines langjährigen Kameramanns Michael Ballhaus erfährt, macht sie Améziane in seinem Comic direkt erlebbar. So folgt die "Kamera" Scorsese gleich am Anfang direkt ans Set und zieht einen damit ganz unvermittelt in die Bildwelt hinein - ein Stilmittel, das der Meister selbst so verwendet haben könnte.
Danach folgt "Martin Scorsese" dem klassischen chronologischen Muster einer Biografie, während die Darstellung der verschiedenen Lebensabschnitte und Filmprojekte künstlerisch alle Register zieht. Denn wie der Regisseur, so ist auch der Zeichner ständig auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen, experimentiert frei mit Bildfolgen, Stilen und Perspektiven. Textlastige Abschnitte werden unterbrochen von fast wortlosen Sequenzen. Die zeichnerischen Entsprechungen von langen Einstellungen und schnellen Schnitten entwickeln einen unwiderstehlichen Sog und etwas, das man im Film "Pacing" nennen würde. Auch hier dient es dazu, die Erzählung zu strukturieren und für das Publikum nachvollziehbar zu machen. Die Biografie Scorseses und seine Filme werden auf diese Weise kunstvoll miteinander verwoben.
Améziane bemüht sich, die ganz unterschiedliche Bildsprache von "Taxi Driver", "Raging Bull", "Goodfellas", "Kundun", "Gangs of New York", "Departed" und "The Wolf of Wall Street" zu adaptieren, bis man gar nicht mehr merkt, dass man statische Bilder vor sich hat. Nun sind Scorseses Filme bei aller Unverwechselbarkeit seines Stils so unterschiedlich, dass sicher nicht jeder mit jedem seiner Werke etwas anfangen kann. "Martin Scorsese" erweist sich hier insofern als Glücksfall, als sich bei der Lektüre auf einmal auch Filme und Stilmittel erschliessen, mit denen man bislang nicht so recht warm wurde. Gleichzeitig sind die von Améziane geschaffenen Eindrücke stark genug, dass man seine Comic-Biografie als selbstständiges Kunstwerk wahrnehmen kann. Darin besteht ebenfalls das grosse Verdienst dieses in Bezug auf sein Thema, seinen Umfang wie auch seine künstlerische Wucht monumentalen Werks.
Amazing Améziane: "Martin Scorsese", erschienen bei Splitter