Familie scheint eines der grossen Themen des Jahres 2026 zu sein. Ob man in sie hineingeboren wird oder im Begriff ist, in eine einzuheiraten: Nichts ist auf Dauer so toxisch und zerstörerisch wie schwierige familiäre Verhältnisse. Das jedenfalls legen sämtliche Serien und Filme nahe, die uns in den vergangenen Wochen besonders ins Auge gefallen sind. Womöglich ist es die desaströse Lage der Welt, die Menschen nach mehr Halt im Zwischenmenschlichen suchen lässt. Oder man gibt lieber gleich den einsamen Wolf, was aber natürlich umso mehr auf frühe Enttäuschungen hindeutet. So oder so sind schmerzliche Erfahrungen der beste Stoff für grosse Kunst, ganz unabhängig davon, ob sie uns zum Lachen oder Weinen bringt.
Malcolm Mittendrin: Unfair wie immer
Brian Cranston darf als der aktuell vermutlich uneitelste Film- und Serienstar gelten. Der Mann, der mit gut gestutztem Bart und im Massanzug auf roten Teppichen regelmässig eine erstaunlich gute Figur macht, ist als "Breaking Bad"-Physiklehrer Walter White mit Klobrillenbart, Kassengestell und Porkpie-Hut jedenfalls nicht gerade ein Womanizer. Als Hal, Vater des Titelhelden von "Malcolm mittendrin", hatte er allerdings vorher bereits die hohe Kunst perfektioniert, sich selbst über alle Fremdschamgrenzen hinweg zum Obst zu machen. Wie kann man da noch einen draufsetzen? "Hold my beer", mag sich Cranston gedacht haben und zieht gleich in der ersten Szene des Reboots komplett blank, während Ehefrau Lois (Jane Kaczmarek) ihn an diversen prekär behaarten Stellen rasiert. Und gleich ist es wieder da, das gute alte "Malcolm in the Middle"-Gefühl: "Oh Gott, ich kann das nicht mitansehen, bitte mehr davon!"
Lebenskrisen und nackte Tatsachen
Bei solchen Wiederbelebungen nach 20 Jahren ist die Fallhöhe enorm. Zwischen 2000 und 2006 definierte "Malcolm in the Middle" neu, was eine Sitcom sein kann. Damals geradezu revolutionär ohne Lachkonserven, mit einem abseitigen Humor weit jenseits von "Eine schrecklich nette Familie", jegliche Anstandsregeln, Ekellevel und Political Correctness atomisierend, war "Malcolm mittendrin" die erste und mit Abstand beste Comedy-Show für die gerade durchstartende Ära des Quality-TVs, ohne die es unsere heutige Serienlandschaft nicht geben würde. Bitte, so etwas lässt sich doch gar nicht wiederholen, oder? Doch, erfreulicherweise geht das. Offenbar war die Stimmung am Set schon während der "klassischen" Staffeln so blendend, dass nahezu alle Protagonisten 20 Jahre später wieder an Bord sind und zu ganz grosser Comedy-Form auflaufen. Lediglich auf den Original-Dewey (hatte keine Lust) und Otto Mankusser (Darsteller Kenneth Mars ist leider bereits 2011 verstorben) müssen wir verzichten.
Was mag wohl aus Reese, Francis, Stevie, Craig, Abe und all den anderen Wahnsinnigen geworden sein? Wir werden es hier nicht verraten - nur so viel, dass man allen Beteiligten den Spass an der Sache durchgehend anmerkt. Dreh- und Angelpunkt von "Malcolm mittendrin: Unfair wie immer" (ja, der deutsche Titel schmerzt etwas) ist Malcolms (Frankie Muniz) neu auf den Plan tretende Teenager-Tochter Leah, die genauso neurotisch und neunmalklug ist wie ihr Vater, der sie jahrelang vor dem Rest der Familie (beziehungsweise sie vor ihr) versteckt hat. Es mag schwer sein, sich in die verschworene Sippe voller schräger Charaktere einzufügen, aber Leah-Darstellerin Keeley Karsten macht das mit Bravour. Während Lois mit gewohnter Verbissenheit ihren 40. Hochzeitstag vorbereitet und sich Gatte Hal in seine nächste Lebenskrise hineinsteigert, arbeiten Leah und Malcolms Freundin Tristan auf eine Familienzusammenführung hin, die Malcolm aus nachvollziehbaren Gründen auf Teufel komm raus vermeiden will.
Der Rest sind Chaos, Irrsinn und schallendes Gelächter. Letzteres natürlich vor allem aufseiten des Publikums. Lediglich die Tatsache, dass der in den Originalfolgen allgegenwärtige Schmuddel fast schon steril wirkenden Schauplätzen weicht, sorgt beim geneigten Malcolm-Fan für Unverständnis. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der anarchische Charme von "Malcolm in the Middle" nach Meinung der Produzenten dann doch ein bisschen zu viel war für das zeitgenössische Streaming-Publikum. Irrwitzige Szenen wie ein bis unter die Schädeldecke mit bewusstseinserweiternden Substanzen vollgepumpter Hal, der sich bei diesem Trip gleich mehrfach selbst begegnet, entschädigen dafür.
"Malcolm mittendrin: Unfair wie immer", gestreamt auf Disney+
