Nicht erst seit "Squid Game" - ab 26.12. startet Staffel 2! - hat man Südkorea als Produzent ungewöhnlicher, origineller und teilweise auch brillanter Filme und Serien auf dem Schirm. Es sind insbesondere die schrägen, überraschenden Stoffe, die asiatische Produktionen aus der Masse herausheben, und mit dem wachsenden Erfolg werden sie auch immer aufwendiger und ambitionierter - und eine zunehmend ernsthafte Konkurrenz für Hollywood. Die indische Filmwirtschaft spielt dagegen schon seit langer Zeit in der ersten Liga, auch wenn überdrehte Bollywood-Romanzen mit Musik, Tanz, krassen Farborgien und permanentem Overacting für ein westliches Publikum eher schwer verdauliche Kost sind. Dass man in Indien aber auch ganz anders kann, darf man jetzt in der Streaming-Auswertung des brachialen Martial-Arts-Krachers "Kill" feststellen.
Alles einsteigen zum Overkill!
"Ein blutiges Blutbad, bei dem es nur um aufgeschlitzte Kehlen und zertrümmerte Köpfe geht, und wir sehen nur knurrende, halb tote Männer, die hinfallen und wieder aufstehen, um ihren Amoklauf fortzusetzen. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass wir so etwas im indischen Kino bisher noch nicht gesehen haben", schreibt die Hindustan Times. Gut, den zweiten Satz können wir nicht wirklich überprüfen, der erste aber trifft voll ins Schwarze. Der Soldat Amrit (Laksh "Lakshya" Lalwani) folgt seiner grossen Liebe Tulika (Tanya Maniktala), deren Vater eine Hochzeit mit einem anderen Mann arrangiert hat. Nach der Verlobung ist der ganze Clan im Mitternachtsexpress nach Neu-Delhi unterwegs, wo Tulika endgültig unter die Haube gebracht werden soll. Tanz- und Gesangseinlagen sind aber nicht zu befürchten, denn getanzt wird hier ausschliesslich mit Hieb- und Stichwaffen. 40 der Mitpassagiere entpuppen sich nämlich alsbald als ultrabrutale Räuberbande, die nicht lange fackelt, jeden, der sich ihr in den Weg stellt, einen Kopf kürzer zu machen - und das ist in diesem ungemein Gore-lastigen Streifen durchaus wörtlich zu verstehen.

Obwohl der komplette Film innerhalb des Zuges spielt, sollte man nicht mit einer Art "Mord im Orient-Express" auf Hindi rechnen. Mit an Bord ist nämlich auch Amrits Kamerad und Kumpel Viresh (Abhishek Chauhan), und die beiden sind allerdings nicht irgendwelche Soldaten, sondern Killermaschinen mit Spezialausbildung. Nun wird vom Nothammer bis zum Feuerlöscher kurzerhand alles, was nicht niet- und nagelfest ist, umfunktioniert und gegen den Gangster-Clan in Stellung gebracht. Wer nach der ersten Stunde knallharter Martial-Arts-Kost der Meinung ist, dass es Regisseur Nikhil Bhat ("Der unsterbliche Brij Mohan") mit den exzessiven Gewaltdarstellungen ein kleines bisschen übertrieben hat, sollte auf die zweite Hälfte warten. Um nur einen garstigen Höhepunkt herauszugreifen, dürfen wir hier unter anderem erfahren, wie man seinen Widersacher mit einem Fläschchen Feuerzeugbenzin ausschaltet. Das ist teilweise schon hart an der Schmerzgrenze beziehungsweise je nach individuellem Empfinden deutlich darüber hinaus. Vom Verleih wird "Kill" als eine Art John Wick plus Martial Arts beworben. Das kommt einem nur zu Beginn ein bisschen weit hergeholt vor. 20 bis 30 Bodycounts später denkt man: "Hm, ja, passt schon."

"Kill" schlägt Funken aus einem Setting, das schon für viele gute Filmplots herhalten musste. Allen voran fällt einem sofort der fulminante südkoreanische Zombiefilm "Train to Busan" aus dem Jahr 2016 ein, den man als Genrefan einfach gesehen haben muss. Und natürlich weckt "Kill" auch wohlige Erinnerungen an den indonesischen Kracher "The Raid" von 2011, der ein Hochhaus zum Schauplatz eines irren Blut- und Gewaltexzesses machte. Hier wie da sind es die beengten Platzverhältnisse, die den Adrenalinpegel nach oben treiben und es den Martial-Arts-Künstlern erlauben, ihr ganzes Können auszupacken und im wahrsten Sinne des Wortes die glatten Wände hochzugehen. Schon zwei Jahre später verlegte ein anderer Südkoreaner, namentlich der gefeierte Regisseur und Drehbuchautor Bong Joon-ho ("The Host", "Parasite"), für "Snowpiercer", basierend auf dem französischen Comic "Le Transperceneige", die Dreharbeiten in einen Zug. Mit Stars wie John Hurt und Ed Harris kann "Kill" zwar nicht aufwarten. Die Produktion ist jedoch extrem aufwendig. Die Darsteller machen trotz eines dezenten, in ihrer Heimat üblichen Overactings einen ausgezeichneten Job. Ob man nach den gut zwei Stunden Laufzeit noch leichten Herzens in einen Zug steigen mag, steht auf einem anderen Blatt.
"Kill" (Indien, 2023), ist aktuell im Vertrieb von Ascot Elite als Video on Demand bei vielen grossen Plattformen wie Apple TV und Sunrise TV erhältlich.
