Scarlet - Kino-Special

Zwischen Leben und Tod, Klassik und Moderne

Artikel Video Steffen Haubner

Mamoru Hosodas neuestes Werk wandelt zwischen Gegenwart und Jenseits, Klassik und Moderne - und zwischen dick aufgetragenem Pathos und grosser Anime-Kunst.

Wer glaubt, dass er nach seinem Ableben im Himmel oder in der Hölle landet, im Nirwana oder wie man den Zustand des Nicht-mehr-Lebens auch immer nennen will, der sieht sich getäuscht. Stattdessen findet man sich in der "Anderswelt" wieder, einem Zwischenreich, wo der Übergang zwischen Leben und Tod fliessend ist und die Grenzen von Raum und Zeit aufgehoben sind. Hört sich etwas diffus an? Mag sein, aber ebendiese spezielle Version des Jenseits ist der Hauptschauplatz von "Scarlet", dem neuen Anime des international gefeierten Regisseurs Mamoru Hosoda ("Mirai - Das Mädchen aus der Zukunft", "Belle"). Die Titelheldin ist Prinzessin des Königreichs Dänemark im 16. Jahrhundert und Tochter des gerechten Herrschers, der ihr ein liebevoller Vater ist. Als er auf Betreiben der durch und durch bösen Mutter Scarlets von seinem Bruder Claudius ermordet wird, schwört die Prinzessin Rache und lässt sich fortan in diversen Kampfkünsten trainieren. Als ihr Versuch, den verhassten Onkel zu beseitigen, scheitert, erwacht sie gleich zu Beginn des Films in der Anderswelt, in der sie auch auf einige ihrer Kontrahenten aus der Welt der Lebenden trifft.

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Kopfüber in die Anderswelt: Scarlet steht eine epische Bewährungsprobe bevor

Wer ein Faible für klassische Literatur und Theater hat, dem sollte der Stoff bekannt vorkommen. Tatsächlich sind die Grundzüge der Handlung und ein Grossteil des Personals William Shakespeares "Hamlet" entlehnt. Dessen Inspiration war wiederum eine mittelalterliche nordische Erzählung, derzufolge Claudius, der Bruder von König Hamlet, den Herrscher ermordet und die Krone an sich reisst, um seine Schwägerin Gertrude, die Witwe des Königs, zu heiraten. Als Prinz Hamlet versucht, seinen gleichnamigen Vater zu rächen, stürzt er sich selbst und alle Beteiligten ins Unglück. In Hosodas Fassung der Geschichte übernimmt Scarlet die Rolle Hamlets - mit anderem Ausgang, aber nicht minder dramatischen Folgen. Während Hamlet durch den Geist seines Vaters zur Rache getrieben wird, sind es bei Scarlet ihr eigener Ehrbegriff und der Schmerz über den Verlust, der sie zur Rächerin macht.

Zwischen Leben und Tod, Vergangenheit und Gegenwart

Ein zentrales Motiv in "Hamlet" ist die Unentschlossenheit des grüblerischen Protagonisten. Sicher kennt ihr den berühmten Sein-oder-Nichtsein-Monolog mit dem Totenschädel in der Hand. In "Scarlet" verkörpert die erwähnte Anderswelt diesen Zustand der Lähmung und Melancholie, dem bei Scarlet trotz all ihrer Entschlossenheit, Rache zu üben, ein grundlegender moralischer Konflikt zugrunde liegt. Dieser wird offenbar, als der junge Sanitäter Hijiri auf den Plan tritt, der sich schlicht und ergreifend weigert, seinen eigenen Tod anzuerkennen. Er kommt aus unserer Zeit und weiss nicht mehr, wie er überhaupt an diesen Ort gelangt ist. Seine idealistische, grundlegend lebensbejahende Einstellung setzt einen Kontrapunkt zu der zutiefst verbitterten Scarlet, an deren Fersen er sich zu ihrem Leidwesen heftet. Ihm ist es erst mal egal, ob es sich um Freund oder Feind handelt oder ob ihm etwas zum Vorteil gereicht: Seine Grundmotivation ist es, anderen zu helfen.

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Die beiden Helden sind sich nicht einig, wie sie mit ihrer Situation umgehen sollen

In der Anderswelt gibt es allerdings noch diverse andere Wesen, die mehr dem Fantasy-Bereich zuzuordnen sind. Allen voran ist das eine kleine alte Frau mit dunkler Hautfarbe, die wie eine Kommentatorin auftritt und einige existenzialistische Fragen stellt: Was bedeutet es, tot zu sein? Was bedeutet es, zu leben? Was heisst es, ein Mensch zu sein? Tja, wenn man schon Shakespeare auffährt, geht es darunter wohl nicht. In einigen Schlüsselszenen verdunkelt zudem ein gigantischer, mit unzähligen Waffen und Rüstungen gespickter Drache den Himmel, der die Geschicke der "Bewohner" der Zwischenwelt zu bestimmen scheint. Wen oder was er genau verkörpert, sollte jeder für sich selbst klären. So oder so ist er ein starkes Symbol, dessen Erscheinen nicht nur den Protagonisten des Films, sondern sicher auch vielen Zuschauern im Kinosaal Schauer über den Rücken jagt.

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Das schicksalhafte Erscheinen des mysteriösen Drachen jagt einem Schauer über den Rücken

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