Für Henry, den Protagonisten von "Henry Halfhead", hält das Leben eine grosse Herausforderung bereit. Er ist ein halber Kopf. Das mag zwar so sein, doch hat er dafür die unglaubliche Fähigkeit, alle Objekte in seiner Umgebung zu übernehmen.
Hinter dem Titel steht das Schweizer Studio Lululu Entertainment, und natürlich liessen wir uns die Chance nicht entgehen, die Geschicke des halbköpfigen Helden zu lenken!
Wie sehen wohl die Eltern aus?
Wie der Titel "Henry Halfhead" schon verrät, ist Henry ein halber Kopf. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, ein komplettes und erfülltes Leben zu führen. Er hüpft trotz des vollständig fehlenden Körpers voller Elan durch die Welt. Extrem hilfreich dabei ist sein Talent, alle Gegenstände in seiner Umgebung zu übernehmen. Um zu schreiben oder zu malen, wird Henry einfach zu einem Farbstift. Um einen Topf auf den Herd zu bringen, übernimmt er ihn und hüpft hoch. Um die Toilette zu putzen, wird er zum Pümpel.

In der Haut von Henry erlebt man das ganze Leben des geschlechtslosen Helden, den wir der Einfachheit halber als "ihn" in diesem Text bezeichnen. Alles beginnt in der Krippe und mit der Erkundung des Kinderzimmers. Als Nächstes geht es in den ersten Schultag, den repetitiven Alltag in der Arbeitswelt und der eigenen Wohnung bis zum Lebensabend, wenn Henry nicht mehr ohne Brille und Hörgerät auskommt. Es ist eine Geschichte, mit der sich wahrscheinlich viele von uns irgendwo und irgendwie identifizieren können. Sie dreht sich darum, nie seine Verspieltheit zu verlieren, das Wunder unserer Welt zu beobachten und der Kreativität freien Lauf zu lassen. Einige der Metaphern im Spiel sind zwar sehr oberflächlich, besonders wenn es um das Erwachsenenleben in der Arbeitswelt geht. Nichtsdestoweniger wird ein sehr ernstes und wichtiges Thema mit viel Charme angegangen. Es ist offen genug, dass es Raum lässt, um selber zu interpretieren, was damit gemeint ist, dass Henry in seinem Garten einen Samen pflanzt, der im Verlauf des Kapitels immer weiter wächst, bis er Äpfel hat, die man im Anschluss in einen Kuchen verarbeiten kann. Wie tief man sich darauf einlässt, bleibt jedem selbst überlassen. Doch ob man die Story nur oberflächlich sieht oder ihr einen tieferen Sinn gibt: Sie wird einem bunt, witzig und unterhaltsam präsentiert.
Staune! Erkunde! Sei kreativ!
Lululu Entertainment hat dabei das Gameplay an sich mit dieser Geschichte direkt verknüpft. Henry kann per Tastendruck alles in seiner Umgebung übernehmen, wodurch es das knuffige Gesicht von Henry bekommt. Im Kinderzimmer malt man Bilder auf Papier oder gleich auf dem Boden, wird zum Xylofon, um zu musizieren, oder stapelt seine Spielzeuge so hoch wie möglich. Dabei bekommt man die Handlung von einer sehr angenehmen englischen Erzählerstimme mitgeteilt, die einen darüber informiert, was man als Nächstes machen kann. Das Wunderschöne daran ist, dass man meistens nichts falsch oder richtig machen kann. Es geht in der Regel nur darum, in der Sandbox des Spiels Spass zu haben. Wer strikt den Aufgaben folgen will, kann das absolut machen - nichts und niemand steht einem im Weg. Wer hingegen einfach nur die verschiedenen Interaktionen und die Physik von "Henry Halfhead" ausprobieren möchte, kommt genauso problemlos vorwärts. Manchmal zickt die Steuerung ein wenig. Wer eine Taste gedrückt hält, kann gezielt ein bestimmtes Objekt übernehmen, was zwar hilfreich ist, aber dem Ganzen etwas den Flow nimmt. Ausserdem ist es leicht möglich, dass man ein kleines Objekt irgendwie in oder unter andere Gegenstände verfrachtet, was einen zwar nie am Vorankommen hindert, allerdings ebenfalls ein wenig an der erwähnten Verspieltheit zehrt.

Besonders in den späteren Levels bieten die relativ kleinen Umgebungen einen überraschend grossen Freiraum. Ein Beispiel dafür findet sich an Henrys Arbeitsplatz. Dort sortiert er Briefe und Pakete, indem er sie übernimmt und zum richtigen Ort springt. Als jedoch die Sortiermaschine in der Nähe ausfällt, liegt es an Henry und dem Spieler, die Pakete über eine weitere Distanz zu transportieren. Wer will, kann stur jedes Objekt einzeln übernehmen, an den weiter entfernten Ort laufen und manuell alles erledigen. Das Game platziert allerdings Dinge wie eine Schubkarre oder Laufbänder in der Umgebung, und wer sich die Zeit nimmt, kann eine fast voll automatisierte Apparatur aufstellen, um seine Arbeit zu erledigen.

Das Game an sich ist kein riesiger Sandkasten mit einer unendlichen Anzahl an Möglichkeiten. Es kann problemlos in zwei bis drei Stunden durchgespielt werden. Doch wie auch Henry selbst verliert es nie seine Verspieltheit. Das ist gepaart mit einem passenden Soundtrack und einer knuffigen Optik. Und obwohl Henry wie schon mehrfach gesagt nur ein halber Kopf ist, kann man ihn im Verlauf der Geschichte mit einer Vielzahl an Hüten personalisieren.
Fazit
"Henry Halfhead" ist ein kurzes, aber sehr prägnantes Abenteuer, das wir unser Leben nennen. Es ist nicht allzu lang, das Gameplay ist nicht extrem ausgetüftelt, und man kann nichts falsch machen. All das ist jedoch auch positiv zu bewerten. Die Geschichte passt zu der Länge des Spiels und bietet einem ein schönes Erlebnis in einer kurzen Spielzeit. Das sehr verzeihende Gameplay bietet dadurch jedem Spieler die Möglichkeit, die Ziele so in Angriff zu nehmen, wie man das am liebsten machen würde. Henry ist mir zumindest sehr ans Herz gewachsen und hat mich mehr als nur einmal zum Grübeln gebracht, was wunderbar ist.

