Spider-Man: Brand New Day - Kino-Review

Enttäuschung oder vielversprechender Neustart?

Artikel Video Steffen Haubner

Die Kritiker sind sich alles andere als einig über den neuen "Spider-Man"-Film. Wir haben uns ein eigenes Bild gemacht. Was Peter Parker im neuen "Spider-Man"-Abenteuer erlebt, kommt irgendwann auf die allermeisten von uns zu, sofern wir es nicht schon hinter uns haben. Irgendwann, so ab Mitte 30, Anfang 40, stellt man fest, dass es mit der Unbefangenheit, mit der man bislang durchs Leben gegangen ist, vorbei ist. Körper und Geist verzeihen nicht mehr jede Eskapade, man hat bei Weitem nicht alles erreicht, was man erreichen wollte, und der tägliche Daseinskampf entpuppt sich weniger als heroischer Showdown denn als ein kräftezehrender Dauerlauf. Bei Peter kommt nun noch hinzu, dass ihn seine besten Freunde nicht mehr kennen. Gut, auch das soll ja im richtigen Leben vorkommen. Im Fall von Spider-Mans Alter Ego liegt das allerdings daran, dass er das nach den fünf Jahre zurückliegenden Ereignissen von "No Way Home" selbst veranlasst hat - was es auch nicht wirklich besser macht. Freundin MJ (Zendaya) hat inzwischen einen Freund gefunden, während der beste Kumpel Ned (Jacob Batalon) seinen Phantomschmerz in der digitalen Welt abreagiert. Und natürlich ist das Schlimme an dieser Art von Vergesslichkeit, dass die Schatten der Vergangenheit einen trotzdem nie ganz loslassen.

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Ehrenvorsitzender aller Spider-Man-Fanklubs: Peters Kumpel Ned (Jacob Batalon); Foto: Sony Pictures

Alles auf Anfang oder alles zu spät?

Nach recht hektischen ersten 20 Minuten geht es in der darauffolgenden Stunde von "Spider-Man: Brand New Day" tatsächlich so trist zu. Stellenweise erinnert man sich wehmütig an die vergleichsweise leichtherzigen Episoden auf der Klassenreise in "Far From Home" zurück, obwohl sie aufgrund des Ablebens von Tony Stark ja auch nicht ganz unbeschwert waren. Und doch gehört dieser erste Part des Films zu dem Besten, was wir bisher von diesem Franchise zu sehen bekamen. Die Grundstimmung knüpft direkt an die "Spider-Man"-Trilogie von Sam Raimi und mit Tobey Maguire aus den 2000er-Jahren an und kommt dem einst von Stan Lee geschaffenen Grossstadt-Desperado näher als die meisten anderen "Spider-Man"-Filme. Nach den beiden "The Amazing Spider-Man"-Filmen mit Andrew Garfield und den drei MCU-Vorgängern unter der Regie von Jon Watts setzt Marvel nun tatsächlich vieles, wenn auch glücklicherweise nicht alles, auf Anfang.

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DIY ist Ehrensache: Spidey (Tom Holland) beim Flicken seiner Arbeitskleidung; Foto: Sony Pictures

Destin Daniel Cretton, der mit "Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings" (2021) den Sprung in die Untiefen der Marvel-Fantasy wagte, muss mit diesem Werk einige fast unlösbar scheinende Aufgaben bewältigen. Zum einen muss er an einen Film anknüpfen, der weltweit rund 2 Milliarden US-Dollar einspielte. Zum anderen muss er gemeinsam mit den bewährten Marvel-Drehbuchautoren Chris McKenna und Erik Sommers nach der Multiverse-Verwirrung von "No Way Home" wieder für ein bisschen mehr Ordnung sorgen - um dann gleich im nächsten Schritt wieder Anlauf zu nehmen und den Boden zu bereiten für eine erneute Anbindung des lonesome Spiderboy an das sich mitten in einer veritablen Identitätskrise befindenden MCU, das nicht mal mehr hartgesottene Marvel-Fans zur Gänze durchschauen.

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Mit Netz, Charme und MP: Der Punisher (Jon Bernthal) steht seinem Freund zur Seite; Foto: Sony Pictures

Spider-Mans Hauptgegner heissen Bear und Odysseus

Kein Wunder, dass der Film dafür - wo wir gerade von Langstreckenlauf sprachen - sportliche 145 Minuten benötigt. Dass dabei das Pacing gelegentlich ruckelt, wie einige Kritiker bereits geschrieben haben, ist nachvollziehbar. Der düster-grüblerische erste Part des Films liess den Rezensenten von "Time Out" gar an eine "Stranger Things"-Hommage denken. Das ist in diesem Fall durchaus nicht positiv gemeint, sondern deutet an, dass der neue "Spider-Man" in einem Filmsommer mit Kalibern wie "Obsession", "Backrooms" und "The Odyssey", tatsächlich wirken könnte, als sei er etwas aus der Zeit gefallen. Und ja, Sadie Sink spielt bei dieser Assoziation sicher auch eine Rolle. Man kann aber ebenso die Auffassung vertreten, dass das "Spider-Man"-Franchise exakt dieses Durchatmen nach dem wilden "No Way Home" am dringendsten gebraucht hat. Und ist dieses Gefühl der Entfremdung, das Peter hier heimsucht, nicht etwas, das wir alle gerade am eigenen Leib spüren? Die alten, zumindest teilweise glorreichen Zeiten sind vorbei, und auf einmal hat man es mit ebenso unterschätzten wie ungreifbaren Gegnern wie dem Klimawandel und KI sowie mit Mitmenschen zu tun, die man kaum wiedererkennt.

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Ich glaub, ich spinne! Spidey auf der Suche nach Durchblick; Foto: Sony Picures

Wer mag, kann in der sich manifestierenden Bedrohung tatsächlich diverse Referenzen an die Realität erkennen, die wir gerade erleben. Das nur als kleiner Denkanstoss, den wir nicht weiter ausführen, da wir an dieser Stelle wie gewohnt auf gar keinen Fall spoilern wollen. Vielleicht könnte man es etwas kryptisch auf diese Formel bringen: Das Multiversum lauert letztlich in uns allen. Und ganz so düster bleibt das alles zum Glück auch nicht, ein Spider-Man bleibt schliesslich nicht lange einsam. Peters verstorbene Tante May (Marisa Tomei) kommt in Rückblenden zu Besuch, Spideys alter Erzfeind Scorpion (Michael Mando) lässt ebenfalls grüssen. Richtig spassig wird es aber ausgerechnet, als Peters knorriger Kumpel Punisher (Jon Bernthal) auftaucht, der fürderhin ganz oldschool durch den Film stapfen und granteln darf. Auch Mark Ruffalo als Bruce Banner alias The Hulk bringt - sorry! - Farbe und Kollateralschäden ins Spiel.

Wenn es kracht, dann richtig

Und dann darf es endlich wieder ordentlich krachen! Wir bekommen allerlei durchgeknallte Biophysik um die Ohren geblasen, wildes Zeug zu sehen und erleben eine Achterbahnfahrt par excellence, die unter anderem daraus ihre Spannung bezieht, dass Spider-Man mit seiner in die Jahre gekommenen DNA hadert. So gibt es irren Slapstick in den Häuserschluchten von Brooklyn und Manhattan, und der Begriff "Cage-Fight" wird noch einmal ganz neu definiert. Man muss es Regisseur Cretton hoch anrechnen, dass er nicht der Versuchung erliegt, ein reines CGI-Feuerkwerk abzubrennen. Stattdessen sind die Effekte - klar, wir sprechen hier immer noch von einem Marvel-Film - wohldosiert und mit bodenständiger Martial-Arts-Kunst angereichert, die auf einen immensen Einfluss des asiatischen Kinos schliessen lässt. Gut so, denn genau so muss man es machen, um aus Geschichten, die längst auserzählt schienen, neue Funken zu schlagen.

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Kommen sie sich wieder näher? Spider-Man und seine ahnungslose Ex MJ (Zendaya); Foto: Sony Pictures

Am Ende und nach den üblichen Plattitüden erlaubt sich "Spider-Man: Brand New Day" sogar noch eine gute Portion Tiefgang. Da wir auch hier nicht spoilern wollen, belassen wir es bei der Anmerkung, dass nach der Vorstellung, die wir besucht haben, im Foyer auffallend viele gerötete Augen zu sehen waren. Destin Daniel Cretton hat es nicht zuletzt dank durch die Bank überzeugend auftretender Darsteller und eines abwechslungsreichen Drehbuchs geschafft, was mancher nicht für möglich hielt: Er hat ein durchweg überzeugendes modernes Superheldenmärchen geschaffen, bei dem wirklich keine einzige der 145 Minuten langweilig oder überflüssig ist.

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