Mit "Mafia III" hatte sich Entwickler Hangar 13 ziemlich in die Nesseln gesetzt. Es folgte das grossartige Remake von Teil 1, mit dem das Studio aus der Bay Area vieles wieder gutmachte. Das neue "Mafia: The Old Country" ist spielerisch nicht gerade innovativ, glänzt neben starker Story und schöner Grafik aber mit einer dichten Atmosphäre, die nicht nur Fans der Reihe packen wird.
Von Sizilien hört man aktuell vor allem deshalb in den Medien, weil auf der italienischen Mittelmeer-Insel im Sommer ziemlich regelmässig Temperaturen von nahezu 50 °C erreicht werden. Im Jahr 1904 sind die Bewohner des Eilands davon noch ein gutes Stück entfernt; Sorgen macht man sich zwischen Weinbergen und Olivenhainen vor allem um den stetig wachsenden Einfluss der Mafia - und die Kriege, die zwischen den einzelnen Klans entstehen. Genau in diesem Umfeld landet ihr bei "Mafia: The Old Country", dem neuesten Teil der Actionreihe, die im Jahr 2002 mit "Mafia: The City of Lost Heaven" ihr Debüt feierte. Entwickelt wurde es bei Illusion Softworks (heute 2K Czech) unter der Leitung eines gewissen Daniel Vávra, der zuletzt als Game-Director das fantastische Mittelalter-RPG "Kingdom Come: Deliverance II" mit seinem neuen Studio Warhorse auf den Weg brachte.
In diesem Artikel und im oben eingebetteten, natürlich ebenfalls Spoiler-freien Testvideo verraten wir euch, warum sich das Quasi-Prequel "Mafia: The Old Country" insbesondere für Fans der Serie lohnt, obgleich es sich spielerisch in Teilen betont konservativ und bisweilen gar altbacken präsentiert.
Die Heimat der Mafia
Die Handlung von "Mafia: The Old Country" versetzt euch ins Sizilien des frühen 20. Jahrhunderts, genauer gesagt in die Jahre 1904 bis 1908. Protagonist ist der junge Enzo Favara, der einst von seinem Vater förmlich wie ein Sklave an die Besitzer einer Schwefelmine verkauft wurde. Die Arbeit ist nicht nur höchst gefährlich, denn Enzo und sein Kumpel Gaetano - der eine Postkarte seines Onkels aus der US-Metropole Empire Bay, dem fiktiven Schauplatz von "Mafia II", wie einen Schatz hütet - können froh sein, wenn sie überhaupt etwas zu essen bekommen. Nach einem besonders dramatischen Zwischenfall in der Mine legt sich Enzo mit den Besitzern selbiger an, hinter denen nicht weniger als einer der mächtigsten Mafia-Klans der Mittelmeer-Insel steckt. Letztlich muss er in eine benachbarte Region fliehen und hat Glück, dass der Anführer der dort herrschenden Mafia-Familie ihn vor der nahenden Hinrichtung schützt.

Anfangs für niedere Tätigkeiten wie das Ausmisten des Pferdestalls angeheuert, steigt Enzo im Verlauf in der Gunst von Don Torrisi, dem Anführer besagter Familie, auf, darf erst als Schutzgeldeintreiber mitmischen und wird schliesslich sogar als vollwertiges Mitglied aufgenommen, das dann auch mal mit Auftragsmorden und Ähnlichem betraut wird. Doch er hat ein hier nicht näher umschriebenes Problem, das ihm langfristig grosse Probleme mit dem Don einbringen könnte. Eines, das sich bereits früh abzeichnet und die eigentlich toll erzählte und überwiegend erstklassig inszenierte Story ein Stück weit vorhersehbar macht. Dadurch kann der neue Ableger letztlich nicht ganz mit der Handlung aus dem ersten "Mafia" mithalten, das bekanntlich fleissig bei verschiedenen bedeutenden Mafia-Filmen abgekupfert hat.
Weitläufige pseudooffene Welt

Schon in den ersten beiden Teilen der "Mafia"-Reihe, eigentlich auch im deutlich offeneren, nur in Teilen gelungenen "Mafia III", war die Spielwelt zwar recht weitläufig und kam weitgehend ohne künstliche Grenzen aus, diente aber vor allem als Kulisse. Das ist in "The Old Country" noch stärker der Fall. Noch viel mehr als in "Cyberpunk 2077" bereist ihr die virtuelle Welt in erster Linie, um den aktuellen Zielort zu erreichen. Das umfasst auch die fiktive Stadt San Celeste, also jene auf einem Hügel gelegene Kleinstadt, die Vito Scaletta im Prolog von "Mafia II" als US-Soldat von Wehrmacht und italienischen Faschisten befreite. Gewisse Freiheiten auf dem Weg zum Zielpunkt habt ihr schon und könnt zwischendrin etwa beim Chefmechaniker und Waffenhändler des Torrisi-Klans Halt machen, um neue Fahrzeuge und Waffen oder Skins für beides mit verdientem Geld zu kaufen. Ansonsten gibt es da aber nicht viel Interaktion abseits des aktuellen Hauptauftrags. Ihr könnt die mit maximal drei, vier Minuten überschaubar langen Fahrten zum Zielort (oder Ritte per Pferd) im Spiel wohl genau deshalb so gut wie immer auch komplett überspringen. Dazu raten würden wir euch allerdings nicht. Denn der Zeitaufwand ist, wie gesagt, überschaubar, und beim optionalen Skippen entgehen euch zumeist interessante Dialoge mit den NPC-Begleitern, die durchaus zur Stimmung und oft auch zur Story-Vertiefung beitragen. So erfahrt ihr von eurem etwas tumben Kollegen Cesare, der der Neffe des Dons ist, etwa, dass er (im Mafia-Jargon gesprochen) ein versoffener Hurenbock, aber allem Anschein nach auch ein ehrlicher Kerl sei.

Frei bewegen könnt ihr euch in der mittelgrossen Welt innerhalb der Story allerdings nie. Praktisch immer sorgen Zäune, blockierende Fahrzeuge und andere Objekte dafür, dass ihr euch nur in einem Teil der Welt umschauen könnt. Das ändert sich erst mit der nach dem Abschluss der Handlung verfügbaren "Freien Fahrt". Davon dürft ihr allerdings nicht etwas Vergleichbares erwarten wie in der Urversion von Teil 1, also irgendwelche kleinen Missionen. Ihr könnt euch in der "Freien Fahrt" einfach nur nach Belieben in der gesamten Welt bewegen, um etwa noch offene Sammelobjekte aufzulesen - darunter Zeitungsausschnitte, die bisweilen auch mal auf historische Ereignisse Bezug nehmen. Oder auch Heiligenstatuen, die ihr aktiv ausrüsten könnt, um letztlich völlig vernachlässigbare Perks zu aktivieren, die zum Beispiel eure Mitnahmefähigkeiten an Gewehrmunition erhöhen oder für ein schnelleres Zielen sorgen, wenn ihr mit Pistole, Schrotflinte und anderen Ballermännern in den Anschlag geht.
