Der Countdown läuft
Atmosphärisch ist "Pacific Drive" also wirklich grossartig. Einflüsse des Klassikers "S.T.A.L.K.E.R.: Shadow of Chernobyl" sind unverkennbar, auch der grossartige Simon Stålenhag ("Tales from the Loop") dürfte an dem melancholisch-technoiden Setting seine Freude haben. Richtig hektisch wird es im Spiel allerdings spätestens dann, wenn wir den Exit aus dem jeweiligen "Knotenpunkt" suchen. Dafür müssen wir nämlich Energiekugeln sammeln, die an verschiedenen Punkten der Karte in seltsame technische Gerätschaften eingespannt sind. Mit den erbeuteten Kugeln verleihen wir unserer Karre eine mysteriöse Energie, tragen zugleich aber auch zur Instabilität der Zone bei - was sich in einer unangenehmen Ballung von Anomalien bemerkbar macht. Als Nächstes müssen wir den Exit-Punkt wählen, der meist mehrere Kilometer entfernt liegt. Kaum ist der Punkt markiert, bricht auch schon die Hölle los: Der Himmel verfärbt sich rot, Windstösse peitschen die Bäume, die tödliche Strahlung kesselt uns zusehends ein. (Das Ganze erinnert stark an den "Sturm" aus "Fortnite".) Mit letzten Reserven und durchgedrücktem Gaspedal rasen wir nun zum Exit-Punkt, der uns mit seinem gleissenden Licht verschlingt - und wieder bei der Werkstatt ausspuckt.

Jeder Ausflug in die Zone will gut vorbereitet sein - die nötigen Schritte erledigen wir am besten schon in der Homebase. "Pacific Drive" bietet ein ziemlich ausgeklügeltes Crafting-System: Sämtliche Autoteile und Ausrüstungsgegenstände lassen sich auf der stationären Werkbank herstellen. Die passenden Blaupausen erzeugt man mit einer etwas obskuren Erfindungsmaschine, die ebenfalls in der Werkstatt steht. Selbst im Kombi-Kofferraum kann man eine zusätzliche Werkbank einrichten, um unterwegs schnell etwas zu craften. Das Spiel ermutigt uns, bei den Expeditionen exzessiv zu looten, um die Beute anschliessend in Nutzbares zu verwandeln.
Freundliche Mülltonne
Für Ressourcenerschliessung und -abbau stehen uns einige (natürlich selbst gecraftete) Werkzeuge zur Verfügung, zum Beispiel ein Metallschneider oder besagter Plasma-Schlagbohrer. Eine Herausforderung besteht darin, den ganzen Loot dann auch zu transportieren - denn der Stauraum im Rucksack und im Kofferraum ist begrenzt. Bei der Rückkehr in die Werkstatt packen wir den vorerst entbehrlichen Kram in Spinde und Regale - und schauen vielleicht auch bei der "freundlichen Mülltonne" vor dem Haus vorbei, die (Anomalie sei Dank) immer wieder nützliche Dinge ausspuckt.

Mit dem Crafting in "Pacific Drive" ist es so eine Sache. Einerseits macht es durchaus Spass, sich in das System hineinzufuchsen - irgendwann weiss man auch ziemlich genau, nach welchen Dingen man unterwegs Ausschau halten muss. Andererseits muss man exzessives Crafting mögen, um diesen Teil des Spiels zu goutieren. Okay, das Ganze wird dadurch etwas erleichtert, dass wir mit unseren Analyse-Goggles sämtliche Gegenstände auf Funktion und Verwertbarkeit hin scannen können. Wer aber nicht so sehr auf Crafting steht, wird die langen Loot- und Bastelpassagen womöglich etwas ermüdend finden - zumal sie das Spielgeschehen deutlich ausbremsen. Gerade in den ersten paar Spielstunden wirkt der Kreislauf aus Erkunden, Looten und Craften etwas undynamisch. Zwar steigt die Motivation mit jedem Goodie, das uns dabei hilft, den Kombi in eine rollende Hightech-Festung zu verwandeln. Allerdings bleibt das Grundmuster der Expeditionen auch im weiteren Spielverlauf etwas starr. Die Spielwelt an sich ist zwar stets aufregend und auch furchteinflössend, weil die Anomalien immer bedrohlicher werden. Doch wirklich überraschende Elemente sind in den Weiten der Olympic-Halbinsel eher rar.
Fazit
"Pacific Drive" ist ein äusserst stimmungsvolles Survival-Game, das seinen Reiz aus der überbordenden Unwirtlichkeit der Sperrzone bezieht. Einsamkeit und bedrohliche Anomalien lassen unseren alten Kombi zu unserem engsten Verbündeten werden. Wer Roguelikes und Crafting mag, findet in "Pacific Drive" ein reiches Betätigungsfeld - allerdings arten das Gebastel und Gefrickel bisweilen etwas aus. Wer den etwas zähen Spielbeginn hinter sich lässt, wird mit einem motivierenden Ausbausystem belohnt. Die Sperrzone ist ein fast mythischer Ort - und gewiss nichts für schwache Nerven.