Bei uns im Westen ist das Genre der Visual Novels weiterhin nicht allzu beliebt - ganz im Gegensatz zum asiatischen Raum. Oft stammen die Spiele eher von kleineren Teams, doch gelegentlich wirft auch einer der Grossen seinen Hut in den Ring. Etwa im Jahr 2023, als Square Enix "Paranormasight: The Seven Mysteries of Honjo" veröffentlicht hat. Fast wie aus dem Nichts wurde an einer Nintendo Direct gerade erst eine Fortsetzung angekündigt, "Paranormasight: The Mermaid's Curse", die wir schon auf Herz und Nieren testen durften. Auf der Switch 2 haben wir Näheres über japanische Meerjungfrauen herausgefunden und uns dem Horror der Unsterblichkeit gestellt.
Ein Inselparadies voller Geheimnisse
Wie schon der Vorgänger ist auch "Paranormasight: The Mermaid's Curse" zum allergrössten Teil eine eigenständige Geschichte, die ohne Vorkenntnisse gespielt werden kann. Der Fluch der Meerjungfrau spielt im Japan der 1980er-Jahre auf der fiktiven Insel Kaweshima. Eine eigentliche Hauptfigur gibt es in diesem Sinn nicht. Wir starten das Spiel aus der Sicht von Yuza, einem 18-Jährigen, der nach mehreren Jahren Abwesenheit auf die Insel zurückkehrt. Vor fünf Jahren starben seine Familie und die seines besten Freundes Azami bei einem Bootsunglück, bei dem er der einzige Überlebende war. Er ist davon überzeugt, dass eine Meerjungfrau sein Leben rettete, weshalb er nun nach Kaweshima zurückgekehrt ist. Ihnen zur Seite stehen Tsukasa, eine alte Freundin aus Kindheitstagen, und Sato, eine mysteriöse junge Frau, die erst vor wenigen Monaten auf der Insel aufgetaucht ist. Ebenfalls wichtig für die Geschichte sind die beiden Ausländer Arnav Barnum und seine junge Begleiterin Circe sowie die Hausfrau Yumeko und Sodo aus Tokio, die für eine paranormale Einheit bei der dortigen Polizei arbeiten. Abgerundet wird dieser sowieso schon umfangreiche Cast mit vielen Bewohnern der Insel und anderen Figuren, die im Verlauf eingeführt werden.

Die Geschichte an sich dreht sich, wie schon erwähnt, um Meerjungfrauen. Der Legende nach muss man nur deren Fleisch essen, um unsterblich zu werden. Yuza interessiert sich dafür aber kaum, er will nur mehr über die Ereignisse des Bootunglücks herausfinden. Dies scheint nämlich nicht zufällig passiert zu sein, denn die Wasser um Kaweshima werden regelmässig durch einen uralten Fluch aufgewühlt und tödlich. Es ist dieser Fluch, der die beiden Polizisten aus Tokio auf den Plan ruft, auch wenn sie auf der Insel schlussendlich noch mehr finden, als sie vielleicht erwartet haben. Wie Arnav und Circe, die scheinbar ebenfalls zu einer paranormalen Spezialeinheit gehört, in die Geschichte passen und was es beispielsweise mit der geheimnisvollen Sato auf sich hat, sollte jeder für sich herausfinden.
Ein Netz von Verdächtigen und Zauberern
Die Handlung von "Paranormasight: The Mermaid's Curse" ist nämlich exzellent. Der Start fühlt sich ein wenig langsam an, müssen doch erst alle Haupt- und Nebenfiguren eingeführt, die Insel vorgestellt und das Paranormale etabliert werden. Doch sobald nach wenigen Stunden die Ereignisse ins Rollen kommen, wird es schwer, sich vom Spiel loszureissen. In dieser Welt gehören Anomalien wie Flüche oder mythische Kreaturen fast schon zum Alltag, und ihre Beziehungen zu den Legenden unserer eigenen Welt sind unheimlich spannend. Extrem hilfreich, um die vielen Informationen, mit denen man konfrontiert wird, erträglich zu machen, ist eine umfangreiche Datenbank. Wird beispielsweise eine Kreatur oder eine spezifische Legende erwähnt, kann man dort viele Hintergrundinformationen nachlesen, was "The Mermaid's Curse" auch für uns komplett verständlich macht. Unbedingt erwähnt werden muss, dass das Game nicht eingedeutscht wurde. Für unsere Sprachregion am ehesten geeignet ist die tolle englische Übersetzung, aber wer diese Sprache nicht fliessend versteht, wird auf jeden Fall Probleme mit dem Verständnis haben.

Ebenfalls sehr gut gefallen hat uns die Erzählstruktur der Geschichte. Sie konzentriert sich auf bestimmte Figuren und ist in kurze Kapitel eingeteilt. Erzählt wird sie aber nicht linear. In Gesprächen schaltet man Abschnitte frei, die in der Vergangenheit passiert sind und dadurch spätere Aktionen in ein ganz anderes Licht rücken. Es wird auch nicht davor zurückgeschreckt, selbst nach mehreren Spielstunden so weit zurückzugehen, dass man an Ereignissen teilnimmt, die noch vor dem eigentlichen Spielbeginn angesiedelt sind. Dieses Hin-und-her-Springen macht die Story äusserst dynamisch und interessant. Gleich dynamisch und interessant sind auch die Charaktere in "Paranormasight: The Mermaid's Curse". Trotz des paranormalen Einschlags der Geschichte sind sie sehr menschlich, ihre Emotionen und Handlungen nachvollziehbar und ihre Darstellung allgemein toll gelungen. Wer vielleicht vom Horroraspekt zurückschreckt, sollte nicht allzu viel Angst haben. Es gibt auf jeden Fall Momente des Schreckens,beispielsweise kleine Jumpscares oder wenn ein Fluch scheinbar die Kontrolle über das Spiel selbst übernimmt, doch neben viel Blut und den erwähnten Situationen ist das Game eher gruselig als kompletter Horror.
