System Shock - Vorschau / Preview

Geniales Spiel! Geniale Neuauflage?

Vorschau Video Benjamin Braun

Bald 30 Jahre liegt die Veröffentlichung von "System Shock" zurück, das nicht weniger als eine geniale Mischung aus First-Person-Shooter und Rollenspiel war und ist. Die technisch massiv überarbeitete Neuauflage aus dem Hause Nightdive Studios lässt nun nicht mehr allzu lang auf sich warten. Doch ist sie nur für Fans interessant? Oder kommen alle Genrefreunde auf ihre Kosten?

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Im Jahr 1994 war ein Grossteil der heutigen Gamer noch nicht auf der Welt oder zumindest noch weit davon entfernt, ein eigenes Einkommen versteuern zu müssen. Ob man damals aber bereits "System Shock" selbst gespielt hat oder nicht, ändert rein gar nichts am Meilenstein-Status des Cyberpunk-Abenteuers für MS-DOS. Dieses Spiel, der Nachfolger "System Shock 2", die in Teilen direkt auf dem Spielprinzip aufbauenden Ableger der "BioShock"-Reihe oder das stark davon inspirierte "Deus Ex" zählen unter langjährigen Gamern oft zu den absoluten All-Time-Favoriten. Bereits vor einiger Zeit kündigten die Nightdive Studios eine Neuauflage von "System Shock" an, die zwar inhaltlich weitestgehend dem Original treu bleibt, es audiovisuell, aber auch spielerisch sinnvoll modernisieren sollte. Die frühen Konzepte wurden nach Kritik der Fans regelrecht eingestampft und alles noch mal von vorne begonnen. Nun nähert sich die neue Version von "System Shock" langsam, aber sicher der Fertigstellung und glänzt inhaltlich mit alter Klasse, hat gemessen an der gamescom-Fassung aber noch einiges bis zur Release-Reife vor sich.

Verbesserter Einstieg

Wer das Original kennt, weiss, dass man "System Shock" erzählerisch im Wesentlichen nicht mehr verbessern kann - und man bei gröberen Veränderungen in diesem Bereich so manchem Fan leicht vor den Kopf stossen könnte. Das ist auch den Nightdive Studios bewusst, weshalb sie inhaltlich primär dort Anpassungen vornehmen, wo die Atmosphäre davon profitiert. Es bleibt natürlich dabei, dass ihr im Jahr 2072 als Hacker startet, das Netzwerk eines grossen Konzerns attackiert und schliesslich auf der Raumstation Citadel landet. Nach wie vor erhaltet ihr dort Zugriff auf die Bord-KI SHODAN und deren Ethikfunktionen, also sozusagen auf das "Gewissen" der KI. Und wie zuvor erwacht ihr nach einem mehrmonatigen Kälteschlaf und stellt fest, dass der Grossteil des Bordpersonals entweder tot oder zu grässlichen Monstern mutiert ist. Natürlich gilt es im Folgenden herauszufinden, was genau passiert ist, und einen Weg zu finden, um die charismatische KI aufzuhalten. SHODAN ist dabei wie alle Sprechrollen übrigens zwar komplett neu eingesprochen worden, doch übernahm die US-Musikerin Terri Brosius erneut die Vertonung.

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So weit, so bekannt. Nightdive inszeniert den hier skizzierten Anfang allerdings anders. Im Intro fliegt zunächst etwa eine Überwachungsdrohne über eure Heimatstadt, was ihr durch das Auge des Flugapparats seht. Das erinnert wohl nicht zufällig an die "Tauchfahrt" zu Beginn von "BioShock", das nicht weniger als ein geistiger Erbe der Reihe ist. Habt ihr im Original bis zum Ende des Kälteschlafs noch alles in einer eher kurzen Introsequenz erlebt, leitet ihr nun zudem den Hacking-Angriff manuell aus eurer Wohnung ein und werdet dann tatsächlich vom Sicherheitspersonal aufgegriffen und zur Citadel gebracht. Dort finden dann auch recht ausführliche Dialogsequenzen statt, die wir uns aufgrund der überschaubaren Anspielzeit jedoch nicht bis zum Ende angeschaut haben. Klar ist hingegen: Der neue Einstieg ist deutlich stimmungsvoller gelungen, ohne den Klassiker damit unnötig zu verfälschen. Fans dürfte er also ebenfalls besser gefallen, während sich gerade Neueinsteiger dadurch nicht mehr ganz so stark ins kalte Wasser geworfen fühlen dürften wie beim originalen Einstieg. Damals wie heute ein starkes Feature: Die Schwierigkeit für Kampf, Puzzles oder Cyberspace-Abschnitte kann wie gehabt separat angepasst werden. Ein Bereich, in dem "System Shock" schon damals seiner Zeit ein Stück weit voraus war.

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Bekanntes in komfortabel und hübsch

Dem Original treu bleiben die Nightdive Studios offenbar auch beim Layout der Levels. Denn wer sich auf der Citadel auskennt, wird keine Probleme bei der Wegfindung haben und weiss sogar recht genau, wo oder wie er den Zugang in einen optionalen Bereich öffnen kann. Stärker verändert haben sich unserem Gefühl nach aber die Cyberspace-Sequenzen, die zwar anscheinend nicht schwieriger werden, aber komplexer erscheinen als im "System Shock" von 1994. Die Modernisierung der genannten Abschnitte bezeichnen die Entwickler uns gegenüber tatsächlich sogar als die grösste Herausforderung, also sie "richtig" hinzukriegen. Natürlich lohnt es sich auch in der Neuauflage, die auffindbaren Audiologs abzurufen, die meist spannende Details über die Geschehnisse der letzten Wochen und Monate an Bord preisgeben, und viel Zeit mit dem Exploring zu verbringen, um Heilmittel, sonstige Stimulanzen oder zusätzliche Munition für die Schusswaffen ins Inventar wandern zu lassen. Allgemein kommen wir jedoch nicht nur aufgrund unserer Vorkenntnisse gut und schneller voran, sondern auch, da die Interaktion mit der Umgebung, das Inventarmanagement und andere Aspekte erheblich besser von der Hand gehen - zumindest beim Spielen mit Maus und Tastatur. Wir haben allerdings keine wirklichen Zweifel daran, dass die Gamepad-Steuerung ebenfalls niemanden überfordern wird, der den Komfort moderner Spiele gewohnt ist. Ärgerlich ist lediglich das schwache Treffer-Feedback im Kampf. Denn es sieht zwar wesentlich besser aus, wenn wir etwa mit der Eisenstange mit leichten oder aufgeladenen Hieben zuschlagen. Aber so richtig gut fühlt es sich nicht an.

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Die auffälligsten Verbesserungen finden sich selbstredend im audiovisuellen Bereich. Hier bekämpft ihr keine wabernden Matschtexturen mehr, die sich menschliche Mutanten schimpfen, sondern echte, in 3D modellierte Monster. Das Eisenrohr zu Beginn sieht wirklich aus wie ein Eisenrohr, und die ganz am Anfang aufsammelbare Zugangsberechtigung, um einen Durchgang zu öffnen, liegt nicht einfach billig auf dem Boden, sondern in einem Koffer auf einem Tisch, den wir zunächst öffnen müssen. Allgemein sind Texturen, Licht- und Schatteneffekte dank Unreal Engine 4 jetzt auf der Höhe der Zeit. Nun ja, nicht so ganz: So gewaltig der Sprung von der 1994er-Version zum neuen "System Shock" zweifellos ist, liegt das Niveau der Neuauflage visuell aus unserer Sicht eher irgendwo zwischen Xbox 360 und Xbox One. Das geht für uns jedoch völlig klar, zumal schon länger bekannt ist, dass das neue "System Shock" nicht gerade auf ein Triple-A-Budget zurückgreifen kann. Anders gesagt: Das Spiel legt ausreichend deutlich zu und gefällt uns stilistisch gut. Alles darüber hätten wir eher als Bonus empfunden. Im grünen Bereich ist aber noch nicht alles. Denn obwohl "System Shock" laut Nightdive-Chef Larry Kuperman "schon bald" erscheinen soll - auf eine konkretere Angabe lässt er sich nicht festnageln -, hat es noch ein paar technische Probleme. So sorgte bei uns etwa die Nutzung der Quicksave- respektive Quickload-Funktion auch mal dafür, dass plötzlich die gesamte Grafik zerschossen war. Wir gehen natürlich davon aus, dass Nightdive solche Probleme bis zum Launch noch in den Griff bekommen wird. Allerdings können wir uns gut vorstellen, dass "bald" am Ende vielleicht doch "erst Anfang 2023" bedeutet.

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