Billiger "Witcher"-Abklatsch mit Vampiren oder grosses Action-Rollenspiel mit Blutsauger-Charme? Im Test entpuppt sich "The Blood of Dawnwalker" als gewaltiges und ebenso stimmiges Action-Rollenspiel, in das Fantasy-Fans problemlos 40 und mehr Stunden versenken werden.
Wer "The Witcher 3: Wild Hunt" geliebt hat, dürfte sich in "The Blood of Dawnwalker" schnell heimisch fühlen. Das beginnt bei der düsteren Fantasy-Welt. Es geht bei den Dialogen und Entscheidungen weiter. Und spätestens, wenn wir mit dem Schwert durch Monster und menschliche Gegner pflügen, sind die Parallelen kaum noch zu übersehen. Das kommt nicht von ungefähr: Hinter "The Blood of Dawnwalker" steckt das polnische Studio Rebel Wolves. Dort arbeiten zahlreiche Entwickler, die zuvor bei CD Projekt RED tätig waren. Studiogründer Konrad Tomaszkiewicz war sogar Game-Director bei "The Witcher 3".

Das neue Action-Rollenspiel tritt also ein grosses Erbe an. Gleichzeitig will es mehr sein als nur ein weiterer "Witcher"-Klon. Vampire, ein ungewöhnliches Tag-Nacht-System und vor allem der ständige Blick auf die Uhr sollen für eine eigene Identität sorgen. Wir haben mehr als 30 Stunden mit Coen und den Blutsaugern verbracht. Dabei wurde schnell klar: "The Blood of Dawnwalker" hat einige richtig gute Ideen. Ganz ohne Macken kommt das Abenteuer aber nicht aus.
Willkommen im Land der Vrakhiri
Schauplatz des Abenteuers ist das Sangora-Tal in den Karpaten des 14. Jahrhunderts. Kein schöner Ort. Erst tobte die Pest, dann übernahmen die nach Blut dürstenden Vrakhiri unter der Führung von Fürst Brencis die Kontrolle. Zwar bewahren die Vampire die Menschen vor der Plage, herrschen dafür aber mit harter Hand und fordern obendrein den roten Lebenssaft als Tribut.

In dieser feindlichen Welt übernehmt ihr die Rolle des jungen Coen, der mit seiner Familie in dem Hügeldorf Laslea lebt. Über Umwege, die wir an dieser Stelle nicht spoilern möchten, wird Coen von Brencis verwandelt und seine Familie entführt. Ihm bleiben noch 30 Tage, um seine Liebsten zu retten. Das ist eure Hauptaufgabe im Spiel.
Nur 30 Tage Zeit
Und an dieser Stelle nehmen wir es gleich mit dem Elefanten im Raum auf: die Ingame-Zeit von "The Blood of Dawnwalker". Sie tickt gnadenlos gegen Coen. Jedoch habt ihr sie stets im Blick. Bestimmte Aktionen wie beispielsweise das Meistern von Quests, das Wiederherstellen von Bildstöcken als Schnellreisepunkte oder auch Charakter-Upgrades kosten Zeit. Das Spiel stellt den Fortschritt klar dar. Erkundet ihr hingegen die Spielwelt oder optimiert ihr euer Inventar, verliert ihr keine Zeit.

Wie sehr bestimmt also die "Galgenfrist" von 30 Tagen für die Rettung von Coens Familie das Spieltempo? Ein wenig! Denn natürlich überlegt man sich zwischendurch häufiger, welche Aufgaben man bewältigen möchte und welche absolut notwendig sind. Der Zeitdruck spielt durchaus im Hinterkopf mit, vor allem, je weniger Ingame-Zeit noch auf der Uhr ist.
Daher ist es auch gut, dass "The Blood of Dawnwalker" eine sehr klare Spielstruktur mitbringt. Bevor Coen nämlich Brencis fordern kann, muss er ihn zunächst auf sich aufmerksam machen. Und das geschieht am leichtesten, indem er Brencis' Helfer Ambrus, Bakir und Xanthe ausschaltet. Im Verlauf durchbrecht ihr also deren Joch in den verschiedenen Teilen der Spielwelt und lockt sie schliesslich aus ihrem Versteck hervor. Der eigene Spielfortschritt ist durch den für ein Open-World-Game vergleichsweise mechanischen Aufbau recht planbar.
Auf dem Weg zum finalen Duell trefft ihr mögliche neue Verbündete und könnt entscheiden, ob ihr Coen durch bestimmte Quest-Wege noch weiter stärkt. Mit der Hexe Anca etwa geht ihr auf die Suche nach einem mystischen Taufbecken, während ihr beim Volk der Uriash ein legendäres Schwert neu schmieden lasst. Diese Pfade sind allerdings freiwillig und repräsentieren ausgezeichnet die vielen Freiheiten, die einem "The Blood of Dawnwalker" im Verlauf seiner 40 bis 50 Spielstunden lässt.

An dieser Stelle sei auch klar gesagt: Es gibt immer wieder Aufgaben, die ausschliesslich am Tag oder bei Nacht verfügbar sind. Wollen wir etwa auf Monsterjagd gehen und finstere Kreaturen bekämpfen, geht das nur bei Nacht. Ein Besuch beim örtlichen Schmied oder Händler dagegen ist nur am Tag möglich. Bei Bildstöcken können wir die Zeit vorspulen, aber das macht man aufgrund des besagten Zeitlimits natürlich auch nicht so gern. Entsprechend müssen wir immer wieder mit den Möglichkeiten jonglieren und taktieren.
